Auch wenn sich im Frauenturnen in den letzten Jahren einiges verändert hat – Turnerinnen, die nach der Geburt eines Kindes auf die internationale Bühne zurückkehren, sind immer noch die absolute Ausnahme. Oksana Chusovitina turnte schon Anfang des Jahrtausends nach der Geburt von Alisher wieder. Marta Pihan-Kulesza ist sogar mit zwei Kindern seit Jahren international unterwegs. Aliya Mustafina kam nach der Geburt ihrer Tochter wieder zurück und stand bei der WM 2018 in der russischen Auswahl. Nun schickt sich Alice Kinsella an, wenige Monate nach der Geburt ihres Sohnes Parker wieder ins britische Team zu kommen.

Kinsella ist eine absolute Konstante des britischen und des internationalen Turnens. Seit sie 2017 erstmals als Seniorin startberechtigt war, stand sie in jedem britischen WM-, EM und Olympiateam. In Tokio holten die Britinnen Bronze, in Paris belegten sie Rang vier. Kinsella gewann insgesamt sieben EM-Medaillen, darunter 2019 Gold am Balken und 2023 Gold mit dem Team. Nach den Spielen in Paris verlobte sie sich mit Freund Will Lavin, Anfang September 2025 kam Parker zur Welt. „Aus meiner Sicht habe ich alles erreicht, was ich wollte. Ich habe alle Medaillen, die ich wollte“, erklärte sie der Times. „Ich habe immer gesagt, dass ich Mutter werden möchte, während ich noch turne“, sagte sie der BBC, „und wir haben darüber gesprochen, was der richtige Zeitpunkt wäre, wenn ich nach Los Angeles möchte.“

Während der Schwangerschaft verfolgte sie ein spezielles Trainingsprogramm mit Fokus auf Kraft und Kondition und war bis zwei Wochen vor Parkers Geburt in der Halle ihres Vereins Park Wrekin in Telford. Ben Young, der als leitender Kraft- und Konditionstrainer im britischen Verband arbeitet, sagte, man habe Höchstbelastungen vermieden und mit dem Ziel gearbeitet, möglichst viel von Kinsellas Kraft zu erhalten. Außerdem „haben wir das als Gelegenheit genutzt, einige Schwachpunkte anzugehen, die sie früher hatte – wie etwa Stabilität der Knöchel oder Schulterkraft.“

Vier Wochen nach der Geburt war sie wieder in der Turnhalle und ist die erste britische Turnerin, die ein Comeback als Mutter versucht. „Am Anfang habe ich nur an meiner Mittelkörperkraft gearbeitet. Anfang Dezember habe ich dann mit den ersten, ganz einfachen Elementen begonnen“, sagte Kinsella. Alles sei zuerst „noch nicht so ganz da“ gewesen. Aber schon bald erinnerte sich der Körper.

Aktuell trainiert sie an drei Tagen in der Woche, möglich auch dank der Unterstützung durch ihren Freund und ihre Mutter. Ihre Familie kennt sich mit Spitzensport aus. Vater Mark, der aus Irland stammt, bestritt als Fußballer 48 Länderspiele für sein Heimatland und stand auch bei der WM 2002 in der irischen Auswahl. Bruder Liam ist aktuell bei Hednesford Town in der englischen Northern Premier League unter Vertrag und stand in der U19 und U21 Auswahl Irlands.

Ein konkretes Datum für die Rückkehr in den Wettkampf gibt es nicht, Kinsella hofft zum Jahresende 2026 wieder voll fit zu sein. „Im Moment gehe ich das Tag für Tag an. Wenn ich zur WM [im Oktober] wieder fit bin, dann ist das super, aber ich bin dann auch nicht allzu gestresst, wenn nicht.“

Für Kinsellas Rückkehr interessiert sich auch die Wissenschaft. Julie Gooderick von der University of Kent begleitet das Training und ihre Fortschritte. Ziel ist es dabei, mit den gewonnenen Erkenntnissen in Zukunft andere Sportlerinnen bei der Rückkehr in den Spitzensport nach einer Schwangerschaft zu unterstützen.

Avatar von Leonie GymNews

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