Die ersten Berichte gab es schon im Februar – am Rande des DTB Pokals in Stuttgart wurde es nun offiziell verkündet: Helen Kevric trainiert regelmäßig in Italien. Kevric, die am 21. März 18 Jahre alt wird, belegte bei den Olympischen Spielen 2024 Platz acht im Mehrkampf und Rang sechs im Barrenfinale. Bis zum Bekanntwerden der Vorwürfe missbräuchlicher Trainingsmethoden am Stuttgarter Kunst-Turn-Forum war sie dort vom Giacomo Camiciotti und Marie-Lusie Mai betreut worden. Beide sind Gegenstand staatsanwaltlicher Ermittlungen und wurden vom Schwäbischen Turnerbund im Januar 2025 gekündigt. Kevric selbst hatte immer zu ihnen gestanden und sich bei der Europameisterschaft in Leipzig im letzten Jahr vehement für Camiciotti und Mai ausgesprochen.
Training mit Pozzo und Gatti
Nun trainiert sie zwar immer noch in Stuttgart, reist aber regelmäßig zum Training nach Italien, wo sie bei Libertas Ginnastica Vercelli von Enrico Pozzo und Federica Gatti trainiert wird. Das bestätigte Bundestrainer Gerben Wiersma bei der Auftaktpressekonferenz des DTB Pokals am 18. März. Die Trainingssituation von Kevric gliedere sich in drei Teile. „Ein Teil ist in Stuttgart, ein Teil ist Italien und ein Teil ist die Nationalmannschaft“, so der Coach. „Ich denke, sie ist einmal pro Monat in Italien, den Rest des Programms macht sie in Stuttgart und natürlich gibt es noch das Programm der Nationalmannschaft. Ich versuche da eine gute Abstimmung zu machen zwischen den Trainern.“
Das Gespann Pozzo/Gatti betreut mit Guilia Perotti, JWM Siegerin von 2023, eine der derzeit besten Turnerinnen des starken italienischen Teams. Pikant: Gatti arbeitete früher mit Giacomo Camiciotti zusammen bei Pro Lissone.
Das neue Arrangement überrascht, mangelte es in Stuttgart doch nicht an internationaler Kompetenz. Erst vor einem Jahr hatte der Deutsche Turner-Bund mit der Verpflichtung von Aimee Boorman einen Coup gelandet. Die US-Amerikanerin hatte bis 2016 Simone Biles trainiert und sollte für einen Mentalitätswandel am Kunst-Turn-Forum stehen. Diese Hoffnung hat sich offensichtlich zerschlagen. Am 17. März teilte der DTB per Pressemitteilung mit, dass man sich einvernehmlich getrennt habe. Die knappe Begründung: „Trotz großem Bemühen von allen Seiten hat die Zusammenarbeit in Stuttgart nicht so funktioniert, wie es gewünscht und erforderlich gewesen wäre.“ Noch im August hatte der DTB die Zusammenarbeit mit Boorman bis Ende 2028 verlängert. Damals wurden noch andere Töne angeschlagen. Man setze auf „Kontinuität und internationale Expertise“ , Stützpunktleiter Nicolas Windelband zeigte sich „super glücklich“ über die Entscheidung.
Helen Kevric hatte allerdings schon vorher nicht mehr mit Boorman zusammengearbeitet und wird in Stuttgart von Marta Boldori, verantwortlich für die Altersklasse 10-13, und Elena Dologpolova, Spezialtrainerin Ballett & Choreographie, trainiert. Im Februar wechselte mit Marlene Gotthardt eine weitere Stuttgarter Spitzenturnerin das Trainingsumfeld. Sie verließ den Stützpunkt jedoch ganz und trainiert nun in Chemnitz. Meolie Jauch, die mit einem Social Media Post im Dezember 2024 die Debatte zum Machtmissbrauch ins Rollen gebracht hatte, hatte ihre Karriere zunächst beendet und trainiert nun bei TS NeckarGym Nürtingen. Betreut von Ghazal Seilsepour wurde Jauch im August deutsche Meisterin am Stufenbarren. Herbe Verluste für den erfolgsverwöhnten Stützpunkt, der auch über ein Jahr nach dem Bekanntwerden der Vorwürfe offensichtlich nicht zur Ruhe kommt.
„Nicht komplett am Boden“
Von den 16 Turnerinnen, die aktuell im Seniorinnen-Kader des DTB gelistet sind, trainieren lediglich zwei in Stuttgart – Helen Kevric und Madita Mayr, die sich bei ihrem Debüt als Seniorin beim Turnier der Meister verletzte. „Zugegebenermaßen hatten wir ein bisschen Aderlass“, sagte Stützpunktleiter Windelband bei der Pressekonferenz. „Wir haben sehr gute Juniorinnen, die auf Sicht auch eine Rolle spielen können – wie Maha Feniuk, Mia Frick und Elizaveta Kharitonova. Es ist jetzt nicht so, dass der Stützpunkt komplett am Boden liegt. Wir haben Juniorinnen, auf die wir setzen und wo wir aufbauen müssen, um wieder im Seniorenbereich anzugreifen.“ Die drei genannten Turnerinnen erreichen allerdings erst im Olympiajahr 2028 das internationale Startalter von 16 Jahren.
Der DTB Pokal, der dieses Jahr auch ohne den langjährigen Titelsponsor auskommen muss, steht nun im zweiten Jahr in Folge komplett im Schatten der Missbrauchsvorwürfe. Mittlerweile wird auch gegen ehemalige und aktuelle Mitarbeitende und Funktionäre des Schwäbischen sowie des Deutschen Turnerbundes ermittelt. Das Thema wird, auch wenn sich das einige in der Turnwelt wünschen mögen, so schnell nicht verschwinden. Nach ihrer schweren Knieverletzung bei der EM 2025 in Leipzig kam der DTB Pokal für Kevric noch zu früh. „Dass sie bei der EM und WM turnt, ist das Ziel“, sagte Wiersma. „Wir sind in engem Kontakt und der Aufbau sieht gut aus.“

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