Zwei Zeilen. Mehr war dem Turn-Weltverband World Gymnastics (ehemals FIG) die Meldung nicht wert. Alle Sanktionen des Verbandes gegen Sportler*innen aus Belarus und Russland werden mit sofortiger Wirkung aufgehoben. Die Entscheidung fiel auf der Sitzung des Exekutivkomitees am 16./17. Mai im ägyptischen Badeort Sharm El Sheikh.

Nach dem Beginn des russischen Angriffskriegs auf die Ukraine im Februar 2022 hatte die FIG Sportler*innen aus Russland und Belarus zunächst gesperrt. Seit dem 1. Januar 2024 war ihnen unter bestimmten Kriterien, die in den Ad-Hoc Regeln definiert waren, der Start als Neutrale möglich. Diese Regeln sind nun mit dem lapidaren Zweizeiler komplett außer Kraft gesetzt, womit Sportler*innen aus Russland und Belarus wieder mit eigener Flagge, Hymne und Landesbezeichnung starten dürfen. Damit entfällt auch die Überprüfung, die bisher der Erteilung des neutralen Status vorausging. Der Anträge auf den Status wurden von einer externen Agentur bearbeitet, die der internationale Turnverband beauftragt hatte.
Überprüft wurden öffentliche Aussagen, etwa in Interviews oder sozialen Medien, auf eine Unterstützung des Krieges. Nur Sportler*innen, denen keine Unterstützung des Krieges nachzuweisen war, sollten den neutralen Status erhalten. Das Ergebnis der Prüfung ließ allerdings so manche Frage offen. Viktoria Listunova, die als Minderjährige an einem Propagandatermin zum achten Jahrestag der völkerrechtswidrigen Annexion der Krim teilgenommen hatte, wurde abgelehnt. Angelina Melnikova hatte als Erwachsene mit dem Z-Symbol in der Optik des Sankt-Georgs-Bandes posiert und im letzten Jahr für die Partei Einiges Russland bei der Kommunalwahl in ihrer Heimatstadt kandiert. Einiges Russland gilt als Machtinstrument der politischen Führung. Sowohl das Z-Symbol als auch das Sankt-Georgs-Band waren laut Ad-Hoc Regeln eindeutig als Unterstützung des Krieges zu werten.

Die Zulassung Melnikovas traf in der Turnwelt auf Zustimmung. In der Deutschen Turnliga war sie von Tittmoning-Chemnitz als Gastturnerin eingesetzt, nach Kritik an ihrem Einsatz knickte man allerdings vor dem Finale ein und verzichtete dort auf ihren Start. Auch in Italien ist Melnikova ein gern gesehener Gast – in dieser Saison turnt sie in der dortigen Liga für Libertas Vercelli. Vercelli ist mittlerweile zeitweilig auch Trainingsort von Helen Kevric.
In Russland zeigt man sich wie erwartet hocherfreut ob der Entscheidung von World Gymnastics. „Das ist ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Einheit der weltweiten Turngemeinschaft und Verteidigung der Rechte der Sportler“, lässt sich der Präsident des nationalen Verbandes Oleg Belozyorov in einer Pressemitteilung zitieren. „Ich möchte (World Gymnastics Präsident ) Morinari Watanabe persönlich für seine konsequente Haltung, seinen konstruktiven Ansatz und seine Unterstützung der Prinzipien eines offenen internationalen Sports danken.“
Unklar ist noch, ob die Wiederzulassung auch für die Europameisterschaften im August in Zagreb gilt. European Gymnastics hatte, anders als World Gymnastics, Sportler*innen aus Russland und Belarus lange komplett gesperrt. Beim Kongress in Prag im letzten November gab es dann eine Mehrheit für eine Wiederzulassung als Neutrale. 27 Verbände stimmten damals für die Zulassung, 15 dagegen, 4 Verbände enthielten sich der Stimme. European Gymnastics teilte der russischen Nachrichtenagentur Tass auf Anfrage mit, dass man sich bis Ende der Woche mit dem Thema befassen werde.

Hinterlasse einen Kommentar