Die deutschen Turnerinnen waren mit ihrem Auftritt in Zagreb zufrieden, wenn auch der Grad der Zufriedenheit individuell unterschiedlich war. Platz fünf im Teamfinale lag genau im Rahmen der Erwartungen. Dazu gab es drei Plätze in den Gerätefinals: Karina Schönmaier am Sprung, Helen Kevric am Barren und Pauline Schäfer-Betz am Balken. Kevric wurde Europameisterin, Schönmaier gewann Silber und Schäfer-Betz landete auf Rang vier. Der eigentliche Fokus dieser Meisterschaften – die Qualifikation für die Weltmeisterschaften in Rotterdam im Oktober, wofür mindestens Platz 13 notwendig war – stand niemals ernsthaft in Zweifel und wurde mit einem vierten Platz in der Qualifikation quasi im Vorbeigehen erreicht.

Dennoch sieht Cheftrainer Gerben Wiersma mit Blick auf die WM auch Verbesserungspotential. „Wir stehen gut da, aber mit Hausaufgaben. Das Wichtigste ist natürlich Boden. Boden ist zu schwach. In den D-Werten, aber auch in der Ausführung. Wir verlieren da im Vergleich mit den anderen Nationen anderthalb Punkte.“ An diesem Gerät hofft er auch wieder auf Helen Kevric. Die 18-Jährige war in Zagreb wie schon bei den Deutschen Meisterschaften in Hannover nur am Barren und Balken am Start. Auch Anatol Ashurkov, der in Zagreb das Team gemeinsam mit Tatjana Bachmayer und Dmitri Loschakov betreute, sieht Boden als Schwachstelle: „Wir haben Dinge, die wir auf weich trainieren. Jetzt müssen wir sie auf hart bringen. Wir sind im Prozess, die Richtung ist richtig. Wir müssen weiter daran arbeiten.“ Man habe „die Defizite erkannt“, sagte Bachmayer. „Da heißt es jetzt, daran zu arbeiten, dass wir bei der WM die ersten Pünktchen aufholen und dann weiter Richtung Los Angeles an diesen Schwachstellen arbeiten.“

Mehrkampfverzicht für Teamergebnis

Für Silja Stöhr, die bei den Deutschen Meisterschaften vor wenigen Wochen noch einen starken Auftritt hatte, lief diese EM nicht nach Plan. In der Qualifikation hatte sie einige Probleme, im Teamfinale wurde sie nur am Boden eingesetzt. „Silja hatte Schmerzen im Handgelenk, da wäre Barren keine gute Entscheidung gewesen“, erläuterte Wiersma nach dem Teamfinale. „Sie konnte da auch leicht gegen Karina getauscht werden. Boden konnte sie turnen, am Balken waren die anderen drei besser.“

Stöhr und Quaas waren in der Qualifikation als Mehrkämpferinnen eingesetzt. Es gab kein gesondertes Mehrkampffinale, aber sehr wohl eine Mehrkampfentscheidung mit einer neuen Europameisterin Angelina Melnikova. Stöhr und Quaas belegten die Ränge 19 und 16. Karina Schönmaier und Pauline Schäfer-Betz, zuletzt bei den Finals mit Silber und Bronze im Mehrkampf, verzichteten auf Balken bzw. Barren. Die Entscheidung war der Teamstrategie geschuldet, erklärte Wiersma: „Ich schaue immer pro Gerät von oben nach unten. Da haben wir uns für die stärkste Mannschaft entschieden und das hat auch geklappt. Wir haben auch im Moment leider keine Turnerin, die im Mehrkampf auf den Plätzen eins, zwei oder drei sein könnte.“

Sprung: Angst besiegt und Plan B

Pauline Schäfer-Betz haderte ein wenig mit ihrem vierten Platz am Balken. Nach dem Teamfinale war sie aber sichtlich zufrieden: „Wir sind definitiv sehr, sehr stolz auf uns. Sicherlich war noch nicht alles so, wie wir es uns vorgestellt haben, aber trotzdem sind wir Top Five in Europa. Wir haben sehr gut im Team funktioniert. Der Wettkampf war wahnsinnig schön.“ Neben den Balkenübungen mit dem neuen Abgang Auerbach gestreckt mit Schraube war ihr auch der Sprung Überschlag-Salto vw gestreckt mit halber Drehung gelungen, den sie lange trainiert, aber im Wettkampf nicht stabil gezeigt hatte. „Wir sind so stolz auf sie. Sie hatte Angst und sie ist jetzt mental und körperlich stärker“, sagte Ashurkov.

Karina Schönmaier zeigte als zweiten Sprung in Zagreb wieder Rondat- ½ Drehung -Salto vw gestreckt mit ½ Drehung. In Hannover hatte sie noch einen Überschlag Salto vw gestreckt mit ½ Drehung geturnt. Welcher Sprung es in Zukunft wird, wird sich zeigen. „Wir haben jetzt einen Plan B, wenn etwas nicht perfekt ist“, sagte Ashurkov. „Diese Phase ist fast abgeschlossen und dann beginnen wir, den Omelianchik und den Cheng mehr und mehr zu perfektionieren.“

Nach der EM ist bekanntermaßen immer vor der WM. Durch den späten Zeitpunkt der EM in diesem Jahr folgt die WM schon in zwei Monaten. Wenig Zeit zur Erholung, ehe es in die Vorbereitung geht. Weiterhin ungeklärt bleibt dabei die Trainingssituation von Helen Kevric. Sie selbst wollte sich in Zagreb auf Nachfrage zu Details, etwa dazu, wer für die Trainingspläne verantwortlich ist, nicht äußern. „Sie hat Trainer!“, betonte Wiersma. „Sie trainiert in Stuttgart, mit der Nationalmannschaft und in Italien. Überall gibt es Trainer. Sie trainiert nicht ohne Trainer. Aber sie ist sehr diszipliniert und hat einen Plan. Bis jetzt klappt es.“

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