Ein Hauch von Jakarta weht durch die Turnwelt. Die WM in der indonesischen Hauptstadt im letzten Jahr fand ohne Israel statt. Man hatte der Delegation die Einreise verweigert. Die Niederlande erlauben nun die Einreise der russischen Delegation zur WM, allerdings nicht allen gemeldeten Sportler*innen. Angelina Melnikova, Viktoria Listunova und Anna Kalymkova erhielten kein Visum.
World Gymnastics hätte Indonesien die WM 2025 gemäß den eigenen Regeln damals entziehen müssen. In Art 26.4 der Statuten heißt es:
Den Turnern/Sportlern und den Offiziellen aller Mitgliedsverbände müssen Einreisevisa erteilt werden. Wird diese Anforderung nicht erfüllt, wird die Vergabe der Veranstaltung vom Exekutivkomitee mit sofortiger Wirkung annulliert.
World Gymnastics demonstrierte damals eindrücklich, was man zu tun gedenke, um die eigenen Regeln einzuhalten: nichts. Auf der Eröffnungspressekonferenz erklärte Generalsekretär Nicolas Buompane: „Wir hätten uns wirklich sehr gerne an diesen Artikel gehalten. Aber es gibt auch andere Artikel, bei denen es um die Sicherheit der Aktiven oder höhere Gewalt geht. Hier sind 1200 Menschen akkreditiert, 77 Verbände am Start. Wenn wir uns nur an diesen Artikel gehalten hätten, hätten wir sagen müssen: „Tut uns leid, Leute, fahrt nach Hause.“
Nun also Russland und Rotterdam. Am 13. Oktober verkündete der russische Turnverband auf seiner Website, dass die Niederlande die Visa für Melnikova, Listunova und Kalmykova verweigert hätten. Diese drei Turnerinnen hatten ursprünglich auch für die EM in Zagreb keine Visa erhalten. Melnikova und Kalmykova erhielten dann in letzter Minute doch noch Visa und erreichten Zagreb kurz vor dem Podiumtraining. Die offizielle Reaktion von World Gymnastics auf die Empörung des russischen Verbandes war vor allem eines: knapp. Für die Visaausstellung seien ausschließlich die niederländischen Behörden zuständig. Außerdem bedauere man die allen Beteiligten entstandenen Unannehmlichkeiten.

Das russische Männerteam für die WM erhielt Visa, allerdings in Etappen. Pünktlich zum Podiumtraining erreichten nur Arsenii Dukhno, Daniel Marinov und Sergej Naidin Rotterdam. Ilia Zaika und Savelii Sieedin reisten erst verspätet an. Auch die Turnerinnen werden ein volles Team stellen. Zunächst hatte nur Aljona Glotova ein Visum erhalten, danach wurden auch für Ljudmila Roshchina, Elisaveta Us und Milana Kajumova die Einreisegenehmigungen erteilt. Mit Glotova, Us und Roshchina starten drei Turnerinnen aus dem EM-Gold-Team von Zagreb. Milana Kajumova gewann bei der JWM letztes Jahr in Manila Gold am Stufenbarren und belegte im Mehrkampf Platz sechs. In den Tagen bis zum WM-Start folgen eventuell noch weitere Visa.
Bei dieser WM werden die ersten Olympiatickets vergeben. Der entscheidende Wettkampf ist hier das Teamfinale, in dem sich jeweils die drei besten Teams direkt für LA 2028 qualifizieren. Wenn die Fußball-WM als Indikator dient, kann es auch bei den Olympischen Spielen zu Einreiseproblemen kommen. Im Turnen ist es nun die zweite WM in Folge, bei der ganzen Delegationen oder einzelnen Teilnehmenden die Einreise verweigert wird. Die Sportverbände, die in der Regel keine Gelegenheit auslassen, auf ihre internationale Bedeutung zu verweisen, sehen dabei recht alt aus. Am Ende können sie die von ihnen aufgestellten Rahmenbedingungen nicht garantieren. Der kurzfristige Entzug einer Veranstaltung als Drohung klingt zwar knackig, ist jedoch in der Praixs kaum realistisch. Nächstes Jahr findet die WM in China statt, die europäische Qualifikation dafür in Armenien. Es wird sich zeigen, ob dort aus „the same procedure as last year“ dann „the same procedure as every year“ wird.

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