Eine Silbermedaille, ein sehr guter Wettkampf und ein zehnter Platz – es gab viel Positives bei den deutschen Turnerinnen bei dieser WM. Doch die weiterhin ungeklärte Trainingssituation von Helen Kevric schwebt über allem und stellt zunehmend die Glaubwürdigkeit des DTB infrage.

Die Qualifikation hätten die deutschen Turnerinnen kaum besser absolvieren können. Kein Sturz in der Wertung, und es gelang fast alles. Dabei hatte es im Vorfeld durch den Ausfall von Silja Stöhr und Pauline Schäfer-Betz durchaus Anlass zur Sorge gegeben. Ein Wermutstropfen waren der verturnte zweite Sprung von Karina Schönmaier und das damit verpasste Sprungfinale. Die 21-Jährige scheiterte vielleicht auch an ihren eigenen Ambitionen und man sah ihr ihre tiefe Enttäuschung an. „Ich habe mich in der Luft ein bisschen verloren. Es war sehr schwierig für mich, mich nach dem Sturz nicht davon beeinflussen zu lassen“, sagte Schönmaier nach dem Wettkampf. Im Sprungfinale hatte sie ihren schwierigen zweiten Sprung, den Cheng (Rondat -1/2 Drehung, Salto vw gestreckt mit 1,5 LAD), zeigen wollen. In der Qualifikation war die Variante mit einer Drehung weniger geplant, doch Schönmaier drehte in der Luft einfach weiter. „Ich habe aus Versehen eine halbe Drehung mehr gemacht und bin gestürzt. Ich habe mir ein sehr, sehr großes Ziel gesetzt und habe mich vielleicht deshalb selbst ein bisschen unter Druck gesetzt.“

Lea Quaas, die lange im deutschen Team ein bisschen im Schatten anderer gestanden hatte, bewies in Rotterdam, warum sie die beiden deutschen WM-Qualifikationen souverän für sich entschieden hatte. Bei dieser WM scheiterte sie nur knapp am Einzug ins Finale der besten 24 Turnerinnen der Welt und war erste Ersatzturnerin. Madita Mayr zeigte bei ihrem ersten Einsatz auf großer internationaler Bühne an ihren drei Geräten einen sehr starken Wettkampf.

Stark war auch das Comeback von Emma Malewski. Die 22-Jährige trainiert und studiert seit einem Jahr an der Clemson University in den USA. Lange galt die Teilnahme am US-Collegesystem vielen als unvereinbar mit einer Karriere im Spitzensport. In einem langen Interview mit dem Podcast Perfect 10 hatte Malewski die Hoffnung geäußert, dass sich das auch in Deutschland ändern könnte. In den USA hat man das schon länger erkannt, so ist die neue Weltmeisterin im Mehrkampf Skye Blakely aktive NCAA-Turnerin.

Alle Übungen der Deutschen (und anderer Nationen) in der Qualifikation gibt es hier (kostenlos, aber Anmeldung erforderlich)

Wer trainiert demnächst Kevric?

Helen Kevric marschierte am Barren souverän als Zweitbeste ins Finale und turnte dort sicher zu Silber. Kaylia Nemour, die mit ihrer „einfachen“ Variante von 7,0 gewann, ist eine Klasse für sich. Nach der Entscheidung war Kevric sichtlich glücklich und ungewohnt aufgeräumt. Auf die Frage, wem sie ihre Medaille widme, antwortete sie: „Meinen alten Trainern.“ Gemeint waren Marie-Luise Mai und Giacomo Camiciotti. Mit beiden hat sich der Schwäbische Turnerbund mittlerweile arbeitsrechtlich in einem Vergleich geeinigt. Die staatsanwaltschaftlichen Ermittlungen wegen Nötigung und Körperverletzung laufen dagegen weiter. Camiciotti darf außerhalb von STB-Liegenschaften jedoch Turnerinnen trainieren.

Kevric hat sich wiederholt für Mai und Camiciotti eingesetzt und sich dagegen gewehrt, als Missbrauchsopfer eingeordnet zu werden. Ihre Trainingssituation – in der sie neben ihrem Training in Stuttgart regelmäßig in Italien bei Enrico Pozzo und Federica Gatti trainiert – ist unverändert. In Rotterdam wurde Kevric im Barrenfinale, wie schon bei ihrem EM-Sieg, von Anatol Ashurkov betreut. Mit EM-Gold und WM-Silber war die Zusammenarbeit anscheinend nicht komplett erfolglos. Vater Adnan erklärte vor Kurzem gegenüber der Sport Bild, dass die Präferenz dahin gehe, wieder mit Mai und Camiciotti zu trainieren. Man arbeite an einer Lösung. Die Turnerin selbst bekräftigte im Interview mit dem ZDF- Morgenmagazin am 27. Oktober ihren Wunsch, „dass bald wieder ein Toptrainer hierher [nach Stuttgart] kommt. Es wäre natürlich schön, wenn ich auch irgendwie wieder mit meinem alten Trainer zusammenarbeiten könnte.“

Der Deutsche Turner-Bund hat sich nach den Skandalen in Chemnitz und Stuttgart unter der Parole „Leistung mit Respekt“ eigentlich dem Kampf gegen missbräuchliche Trainingsmethoden verschrieben. In der aktuellen Situation sieht der Verband nicht gut aus, auch weil er sich zu keiner klaren Haltung durchringen kann. Wie geht es nun nach der WM mit der Trainingssituation von Kevric weiter? „Wir werden den Plan machen, Helen wird den Plan machen“, sagte Vorstand Sport Thomas Gutekunst zum Abschluss der WM. „Da gibt es keinen Zeitplan, sondern wir müssen schauen, wie die nächsten Monate aussehen . Es [das Training in Stuttgart und Italien] war sicherlich ein Konstrukt in den letzten Monaten, das bis zu dieser WM sehr gut funktioniert hat. Aber wir wissen auch alle, dass es ein temporäres Konstrukt ist. Wir müssen da jetzt mit wirklich allen Beteiligten schauen, wie es in der Zukunft weitergeht.“ Ob es für den DTB das Ziel sei, dass Kevric zukünftig wieder dauerhaft in Deutschland trainiert? „Das Ziel ist, dass es für Helen Bedingungen gibt, dass sie sich weiterhin gut präsentieren kann, dass sie auch wieder einen Mehrkampf turnen kann. Wie das genau aussieht, das machen wir so, dass es am besten funktioniert.“ Ob er von den Gerüchten Kenntnis habe, dass Kevric mit Camiciotti in Deutschland bereits auf Hallensuche sei: „Da möchte ich keinen Kommentar zu abgeben.“

Bei den Europameisterschaften in Jerewan vom 27. April bis zum 2. Mai 2027 muss sich das Team für die Weltmeisterschaften in Chengdu qualifizieren. Und dort gibt es dann genau eine Chance auf die Qualifikation als Mannschaft. China, die USA und Japan haben sich in Rotterdam bereits für Los Angeles 2028 qualifiziert. Neun weitere Plätze gibt es in Chengdu. Da ist eine Helen Kevric als Mehrkämpferin für den DTB mehr als nur hilfreich.

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Eine Antwort zu „Der Kevric-Komplex“

  1. Avatar von Marie
    Marie

    Deutschland sollte aufpassen, dass man es sich mit Helen nicht verscherzt. Ich denke, eine erwachsene Spitzensportlerin sollte sich ihre Trainer selbst aussuchen dürfen und die entsprechenden Rahmenbedingungen gestellt bekommen. Dass die betroffenen Trainer erst einmal keine anderen Athleten betreuen dürften, stünde ja auf einem anderen Blatt. Am Beispiel Kaylia Nemour sieht man es ja, die jetzt Medaillen für Algerien „einheimst“, auch wenn sie in Frankreich trainiert. Eine zweite Staatsbürgerschaft könnte für Helen auch möglich sein, immerhin ist ihr Vater aus Bosnien-Herzegowina.

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